1. Philharmonisches Kammerkonzert am Donnerstag, 29. Januar 2026, im Kleinen Glockensaal

von Gerd Klingeberg

Es ist ein wahrhaft denkwürdiges Konzert, dieses 4. Philharmonische Kammerkonzert im Kleinen Glockensaal. Da erfahren die Veranstalter nur gut zwei Stunden vor Konzertbeginn, dass Nils Mönkemeyer dank Deutscher Bahn wohl mit deutlicher Verspätung eintreffen wird. Kaum zu glauben, aber es findet sich ein Ersatz für die erste Konzerthälfte: Hannah Weber, stellvertretende Solocellistin der Bremer Philharmoniker, und ihre Klavierpartnerin Mariana Popova sind spontan bereit, in der ersten Konzerthälfte aufzutreten. Ein tolles Programm hat das Duo dabei, mit einer Auswahl romantischer Werke teils weitestgehend unbekannter Komponistinnen, die lange in Vergessenheit geraten waren. Da ist die sehnsuchtsvolle „Romanza Appassionata“ von Cécile Chaminade, ausnehmend schön dargeboten als Schwelgerei in satt-warmem Cello-Timbre und perfekt angepasster Klavierstimme. Oder die „Cantilène op. 30 von Hélène-Frédérique de Faye-Jozin, die die beiden Musikerinnen ebenso gefühlvoll zu Gehör bringen wie die „Solitude“ einer gewissen Rita Strohl, von der auch der nachfolgende 3. Satz Lento aus der „Sonate Dramatique“ stammt. Gleichermaßen stimmungsvoll geht es weiter mit drei Liedern aus der Sammlung „Six chansons du 1500 siècle“ der nicht minder unbekannten Pauline Viardot. Es sind allesamt Stücke voller Emotionen, mitunter salonesk gefärbt, zwischen elegischer Sanftheit und aufwühlendem Temperament changierend, die von den beiden Interpretinnen in detailliert angelegten Interpretationen mit musikantischer Inbrunst vorgetragen werden.
Schließlich noch „Call oft he Bees“, erst vor wenigen Jahren komponiert von Konstantia Gourzi, die erfreulicherweise im Publikum sitzt und kurz ihre zugrunde liegenden Intentionen dazu erläutert. Naturverbunden sei sie, und vor allem fasziniert von Bienen, die als Insekten für uns Menschen ein Vorbild perfekten Zusammenlebens sein könnten. Die vier Sätze ihres Werkes hat Gourzi mit „Attention“, „A Prayer for Protection“, „Transition“ und „Unification“ überschrieben. Mal geht es heftig mitreißend und energisch zur Sache, dann wieder überwiegen besinnliche, mitunter hauchzart gestrichene Flageoletttöne zu gezupften Klaviersaiten mit fast schon mystischem Klang. Die Musik mag zunächst etwas fremdartig anmuten, dennoch fühlt man sich unmittelbar davon angesprochen, da sich ihre vielschichtigen Inhalte, ihre ungeheure Fülle an Eindrücken problemlos nachvollziehen lassen. Das Publikum bedankt sich mit begeistertem Beifall. Und keineswegs erst jetzt ist augenfällig, dass das bestens harmonierende Duo nicht als bloßer Lückenfüller, sondern durchaus als vollwertiger Ersatz für die eigentlich vorgesehenen Musiker gelten darf.
Letztere sind, nach deutlich verlängerter Konzertpause, endlich vor Ort angekommen und stehen Minuten später erstaunlich entspannt auf der Bühne. Verständlicherweise mit leicht verändertem und verkürztem Programm. Wolfgang Amadeus Mozarts Sonate F-Fur KV 30, ein Meisterwerk des gerade einmal 9-jährigen Genies, bietet mit einschmeichelnd schönen, teils glockengleichen Partien einen geradezu poetischen Einstieg, der zum sehnsuchtsvollen Träumen anregt und prompt alle vorangegangenen Widrigkeiten und Wartezeiten dieses Konzertabends in den Hintergrund rücken lässt. Wie bereits beim zuvorigen Duo zu erleben war, erweisen sich auch Bratschist Nils Mönkemeyer und sein Klavierpartner William Youn vom ersten Ton an als optimal harmonierendes Duo, bei dem jede Tempoänderung, jede dynamische Variante in größtmöglicher Homogenität erfolgt. Das kommt auch bestens zum Ausdruck beim Hauptstück des Abends, der 1853 entstandenen Sonate F-Moll FAE, deren einzelne Sätze dereinst von Johannes Brahms, Robert Schumann und dessen Schüler Albert Dietrich als Gemeinschaftwerk komponiert wurden. Der Kopfsatz Allegro (A. Dietrich) imponiert mit kraftvoll emphatischem Einstieg. Mönkemeyers engagiertes Bratschenspiel hält auch beim Fortissimo des Klaviers locker mit. Effektvoll geht es zur Sache, gigantisch aufwallend, dann wieder sauber abgefangen in vielfältigem Wechsel. Schumanns Intermezzo-Mittelsatz erklingt hingegen kontrastierend getragen, zutiefst berührend, die Bratschenstimme mittels zartem Vibrato verfeinert. Dann das Brahms-Scherzo: ein laut knarzend attackierend gestrichenes, machtvoll angeschlagenes „Hoppla, jetzt komm‘ ich“-Spiel im straffen Pulsieren, das mittig von den zurückgenommenen Trioklängen konterkariert wird, um dann umso mächtiger einem fulminanten Finale zuzustreben. Dabei fällt es in keinerlei Weise auf, dass Mönkemeyer mit stupender Spieltechnik seinen eigentlich für Violine komponierten Part mühelos und wie selbstverständlich auch in schwindelnd hohen Lagen (in „Notlage“, wie er es nach dem Konzert schmunzelnd bezeichnet) auf der Bratsche absolviert.
Und noch ein Brahms: seine dreisätzige Sonate Es-Dur op. 120/2, ein Spätwerk, original für Klarinette und Klavier, mit melodiösen Motiven von abgeklärter Klangschönheit. Aufwühlende, auf- und abwallende wie auch dialogische und erzählende Partien werden in spannungsvoller Phrasierung dargeboten. Mitunter spielt Mönkemeyer mit reichlich Herzblut auf wie ein passionierter Stehgeiger, dann wieder scheint er mit sanften Strichen ganz in sich zurückgezogen zu agieren. Melodiebetont und besinnlich präsentieren die beiden Musiker den wunderschönen Variationensatz 3, bei dem ein schlichtes Thema beeindruckend transparent in gefälligen, federleichten Harmonien wie auch in spritzig schwungvollem Allegro vorgetragen wird. Kurz vor Schluss gibt es feinsinnige Più-tranquillo-Momente zum Träumen, bis alles im besten „Ungarische Tänze“-Modus einem apotheotischen Finale entgegenstürmt. Auch mit verkürztem Programm haben Mönkemeyer, derzeitiger Artist in residence, und sein Duopartner Youn wieder einmal in jeder Hinsicht überzeugen können. Sie entlassen das begeistert jubelnde Publikum mit den innig warm und kontemplativ intonierten vollmondnächtlichen Tonmalereien der Brahms‘schen „Mainacht“: Ende eines berauschend schönen Konzerts mit einigen Hindernissen, die, anders als die wahrhaft grandiosen Darbietungen, letztlich erfreulicherweise wohl nur noch als episodische Marginalien in Erinnerung bleiben werden.