- Philharmonisches Kammerkonzert am Dienstag, 17. Februar 2026, im Kleinen Glockensaal
von Gerd Klingeberg
Neben ihren dozentischen oder orchestralen Tätigkeiten treffen sich die Pianistin Aglika Angelova, der Geiger Christo Kasmetski und der Cellist Giorgi Kharadze wann immer möglich zur Erarbeitung und Darbietung kammermusikalischer Werke unterschiedlicher Genres. Ihr Konzert im Kleinen Saal der Glocke startet ganz klassisch: mit Ludwig van Beethovens Klaviertrio c-Moll op.1 Nr. 3., einer recht früh entstandenen, aber dennoch in jeder Hinsicht ausgereiften Komposition.
Nach gefühlvollem Einstieg nimmt das musikalische Geschehen sehr bald gehörig Fahrt auf, wird zupackender, dramatischer. Die tief auslotende Interpretation überzeugt von Beginn an mit ausgeprägter dynamischer Differenzierung; energische Motive wechseln mit kurzen beruhigenden Einwürfen, ohne den vorandrängenden Drive zu unterbrechen.
Satz 2 „Adagio cantabile con variazioni“ setzt auf Ruhe und Entspannung. Das vorgelegte Tempo betont diesen verhaltenen Charakter, ohne schleppend zu wirken. Die fünf Variationen des liedhaften, folkloristisch gefärbten Themas bringen mit teils kunstvollen Umrankungen die Klangfarben der Instrumente zum Leuchten. Beim nachfolgenden Menuetto wie auch im sportlich agil vorgetragenen Finalsatz Prestissimo überzeugen die drei Musiker mit durchweg beeindruckend virtuosem, spannungsintensivem und gleichermaßen auf größtmögliche Transparenz setzendem Spiel von nahezu sinfonischer Dichte. Umso überraschender erfolgen die Schlussakkorde: nicht etwa donnernd, sondern im bedächtigen Pianissimo. Kein interpretatorischer Lapsus, sondern tatsächlich so von Beethoven vorgegeben!
Etliche Überraschungen gibt es auch bei Werner Pirchners 1992 entstandenem viersätzigem Werk „Heimat?“. Die Tonsprache des österreichischen Komponisten und Jazzmusikers ist originell; sie weist folgerichtig sowohl landsmännisch-österreichische wie auch mancherlei jazzige oder popmusikalische Elemente auf. Satz 1 „Aus dem Nichts?“ startet mit leisen Flageoletttönen samt gezupften Klaviersaiten. Stimmungsvolle, ruhig schwingende Melodien vermitteln heimelige Stimmungen; die Harmonien mögen ungewohnt sein, muten dennoch niemals wirklich fremd an. Hart kontrastiert dazu der 2. Satz „Wiesel?“: Eruptionen aufgeregter, sehr schneller dissonanter Tonfolgen erinnern frappant an die hektischen, zugleich ungemein flexiblen Bewegungen des kleine Raubtieres. Im erneut scharfen Gegensatz dazu erklingt das „Stimmungslied?“ des 3. Satzes, mit melancholischem Ausdruck, teils schräg harmonisch: Es sind vom bestens harmonierenden Ensemble überaus behutsam intonierte Klänge, die zum Nachdenken anregen.
Etwa darüber, warum jede Satzbezeichnung mit einem Fragezeichen versehen ist. Die Bedeutung erschließt sich, wenn man die näheren Hintergründe des Werkes kennt. Ursprünglich für Violine und Klavier konzipiert, war es die Bühnenmusik für das Drama „Kein schöner Land“ des österreichischen Theaterautoren Felix Mitterer. Darin wird die auf historischen Fakten beruhende Geschichte eines auf dem Lande lebenden Viehhändlers erzählt, der seine jüdische Herkunft geheim hält, bis diese durch die Nazis offensichtlich wird. Er kommt ins KZ, wo er schließlich von seinem Sohn, einem fanatischen Nazi, erschossen wird; der Sohn stirbt durch Selbstmord.
Es versteht sich quasi von selbst, dass vor diesem Hintergrund der Begriff „Heimat“ in seiner eigentlich positiven Bedeutung tatsächlich äußerst fragwürdig erscheint. Und nicht nur dieser, sondern auch die Bezeichnung des Finalsatzes „Freundlich?“. Ja, der Satz klingt tatsächlich freundlich, zunächst ganz ohne Fragezeichen. Aber dann verlässt irgendwann der Geiger die Bühne, kurz darauf auch der Cellist. Die Pianistin spielt noch einige Takte allein, dann tritt sie ebenfalls still und heimlich ab. Was vordergründig als Gag an Haydns „Abschiedssinfonie“ erinnert, ist weitaus dramatischer: Freunde kündigen ihre Freundschaft auf. Der Witz der für Triobesetzung bearbeiteten Komposition entpuppt sich als bitterste Ironie, die „heimatlich“-folkloristische Stimmung erweist sich als lediglich nette Fassade einer menschlichen Tragödie.
Harmonischer und deutlich weniger aufwühlend geht es zu bei Clara Schumanns 1795 entstandenem Klaviertrio g-Moll op. 17. Es ist eines der nur wenigen Werke einer grandiosen Pianistin, die kompositorisch zeitlebens im Schatten ihres Ehegatten Robert stand. Zu Unrecht, wie es allein dieses Werk beweist. Und dazu braucht es keinen Mitleidsfaktor gegenüber einer Frau, die acht Kinder zur Welt brachte (von denen vier schon früh starben), als Pianistin und Musikpädagogin tätig war und zunehmend auch noch ihren Robert pflegen musste.
Doch von alledem ist in ihrem Klaviertrio nichts zu spüren. Das Scherzo (Satz 2) imponiert mit rhythmischer Raffinesse, die durch markante Akzentuierung bestens betont wird. Ausnehmend klangschön und warmtönig präsentieren die Ausführenden dazu den melodiösen Satz 3 Andante, lassen die romantischen, von Sehnsucht und Wehmut durchdrungenen Klangfarben zart leuchten. Brillanz und musikantisches Feuer hingegen bei den Ecksätzen, bei denen das Trio mit straffen Tempi und überaus voluminösen, strahlglänzenden Final-Fortissimos das Publikum mitreißt.
Ungeachtet des begeisterten Beifalls verzichtet das Ensemble auf eine Zugabe – was nach derart engagiertem, kräfteraubendem Vortrag durchaus verständlich und auch keineswegs verpflichtend ist.