1. Philharmonisches Kammerkonzert mit Sharon Kam und dem Schumann Quartett
am 28. April 2026 im Kleinen Glockensaal

von Gerd Klingeberg

Dass beim 7. Philharmonischen Kammerkonzert mit Sharon Kam eine Klarinettistin der allerersten Liga mit dabei sein würde, hatte zweifellos hohe Erwartungen geweckt. Doch das Konzert startete zunächst ohne sie, mit dem Streichquartett D-Dur op. 20/4 von Joseph Haydn. Eine zweifellos gute Idee; denn so konnten die Zuhörer zunächst einmal die streicherischen Qualitäten des Schumann-Quartetts allein wahrnehmen. Und die vier Musiker (drei davon Brüder mit dem Nachnamen Schumann) gefielen vom ersten Moment an mit einer äußerst stimmungsvollen, dynamisch stets sehr nuancierten Gestaltung. Auffällig dabei, dass sie nur selten auf drängende, ungeduldige Tempi setzen, sondern die ausgeprägte Schönheit des Werkes mit bestechend homogenem Streicherklang bei eher entschleunigend anmutenden Metren in den Vordergrund rücken. Ausnehmend gefühlvoll präsentieren sie den 2.Satz, ein „Un poco adagio e affettuoso“, wie eine angenehm verträumte, am Abend an heimeligem Ort erzählte Mär. Doch sie können auch anders, nämlich beim Folgesatz, einem Menuetto alla zingarese, mit raffinierten rhythmischen Verschiebungen in beschwingt folkloristischer Note – unterhaltsam im allerbesten Sinne. Dazu passt das geistreiche Finale „Presto e scherzando“, das spritzig locker dargeboten wird.

Dann endlich kommt auch Klarinettistin Kam zum Einsatz. Das 1928 entstandene fünfsätzige Divertimento für Klarinette und Streichquartett des ungarisch-britischen Komponisten Mátyás Seiber ist ein bislang noch wenig gespieltes, indes veritables Paradestück für das Blasinstrument. Los geht es mit wahrhaft atemberaubenden, äußerst rasanten Girlanden der scharf intonierten, virtuos geblasenen Klarinettenstimme, die kurz darauf nicht minder schwungvoll in einer mitreißenden Parforcejagd von den Streichern übernommen werden. Sie endet mit den „Variazioni semplici“ des 2.Satzes, ruhigen, sordiniert gestrichenen Harmonien voller Melancholie, harmonisch zwar teils ungewohnt, aber dennoch problemlos zugänglich: liedhafte Motive der Klarinette über zart flirrendem Hintergrund, der an eine sonnenbeschienene, nur wenig gekräuselte Wasseroberfläche erinnert. Das Mittelsatz-Scherzo überrascht mit witzigen, kaleidoskopartig aneinandergefügten Sequenzen, während das nachfolgende Recitativo mit überzeugend expressiver Tonsprache dargeboten wird, um schließlich in hauchfeinem Pianissimo zu verklingen. In fast schon ruppiger Raussschmeißermanier mit scharf konturiertem Spiel bei mitunter dissonantem, drängend hart pulsierendem Tackern endet das packende Werk.

Während beim Divertimento für die Klarinette eine eher dominierende Rolle vorgesehen war, ist sie beim Klarinettenquintett h-Moll op.115 von Johannes Brahms nahezu vollständig in den Gesamtklang einbezogen. Und das wird vom insgesamt äußerst präzise agierenden Ensemble auch mustergültig umgesetzt. Die grundlegend freundliche, von der Sommerfrische des Komponisten in Bad Ischl beeinflusste Stimmung vermittelt Sharon Kam ohrenfällig mit einem jetzt deutlich wärmeren, sanft dunkel gefärbten Timbre ihres Instruments. Die weit ausgreifende Melodik wird zudem auch in ihren, offenbar von intensivem Spiel ausgelösten Oberkörperbewegungen sichtbar.

Das Adagio (Satz 2) bringt in wunderschönen romantischen Pianissimo-Passagen milde spätsommerliche Farben zum Leuchten; es atmet Wehmut und versonnene Weite, wird zum Schwelgen in gemütvollen Erinnerungen, das anregt zu innigen Träumereien. Diese berührende Atmosphäre nimmt das Ensemble mit in das Andantino (Satz 3), steigert sie vorsichtig, aber weiterhin gefällig bleibend. Umso deutlicher wird der Kontrast zum nur kurzen, blitzsauber gespielten Presto-Einwurf, der getreu der Vorgabe „non assai, ma con sentimento“ prickelnd impulsiv, aber niemals ungebärdig daherkommt.

In den Variationen des Finales können die fünf Musizierenden erneut brillieren mit expressivem, zwischen Lieblichkeit und kraftvollem Nachdruck, zwischen Sentiment und melancholischer Färbung changierendem Spiel, das für Brahms so typisch ist. Das äußerst feinfühlig angegangene Ende wirkt wie ein Abschied, ein letzter sentimentaler Nachklang auf Brahms‘ Kammermusikperiode. 
Momente lang herrscht tiefe Stille im Saal, dann löst sich die intensive Spannung im langen Beifall der begeisterten Zuhörer. Bei der Auswahl der Zugabe hat sich das Quintett offensichtlich an den vorherigen Stücken orientiert: Kein Kehraus, sondern das „Abendlied“ von Robert Schumann (in Klarinetten-Bearbeitung von Ferruccio Busoni) erklingt in schummerlichtig schöner Besinnlichkeit als krönender Abschluss eines wieder einmal ungemein faszinierenden Konzertabends.