1. Philharmonisches Kammerkonzert mit dem „Curtis on Tour“-Ensemble am Mittwoch, 20. Mai 2026 im Kleinen Glockensaal

von Gerd Klingeberg

Es ist längst gute Tradition, dass „Curtis-on-Tour“ auch in Bremen Station macht und mit herausragenden jungen Musikern und Lehrkräften das jeweils letzte Kammerkonzert der Saison bestreitet. So auch in diesem Jahr. Für den Beginn stehen „Drei Madrigale für Violine und Viola“ des tschechischen Komponisten Bohuslav Martinu auf dem Programm, 1947 entstanden während einer für Martinu stark belastenden Lebenssituation. Dass es sich dabei lediglich um ein simples Streicherduett handeln könnte, wird schon mit den ersten attackierenden Tönen ad absurdum geführt: Die an der HfK Hannover als Professorin tätige niederländische Geigerin Liza Ferschtman und der junge kanadische Bratschist und Curtis-Stipendiat Davin Mar gehen von Beginn an energisch ans Werk, scheinen sich trotz ohnehin schon forscher Metren gegenseitig mehr und mehr anzutreiben und präsentieren das erste Madrigal mit fesselnder Intensität. Ein packender Auftakt voller Action und Vitalität, bei dem der Vergleich mit einem rasanten Breakdance durchaus passend erscheint!

Stark kontrastierend dazu erklingt das zweite, mit „Poco andante – Andante moderato“ bezeichnete Madrigal. Die sordinierten, ruhevoll und mit viel Zartgefühl gestrichenen Töne vermitteln eine von Ernst und Klage durchdrungene Atmosphäre, streckenweise mit melancholischer Färbung bei mitunter sonderbar flirrenden Motiven. Ein nur kurzes Aufbegehren mündet schnell wieder in Resignation, die lediglich einen Hauch von Hoffnungsschimmer erahnen lässt. Deutlich gelöster und grundlegend optimistisch, sogar mit humoristisch angedeuteter Note ist die Stimmung des dritten Madrigals. Und wieder überzeugen die beiden Ausführenden mit zugriffigem, dynamisch ausgefeiltem Spiel, das gespickt ist mit überraschenden Klangeffekten, vielstimmigen Akkorden und aufgeregten Tremolopartien, sodass beim Zuhören gar der Eindruck entsteht, es handele sich nicht allein um zwei Streicher, sondern um eine deutlich größere Formation.

Drei nicht minder ambitionierte und virtuos aufspielende Interpreten – der Pianist und Curtis-Dozent Benjamin Hochman sowie die beiden Curtis-Stipendiatinnen, die Geigerin Leah Amory und die Cellistin Carson Ling-Efird – stehen für das als „Geistertrio“ bezeichnete Klaviertrio D-Dur von Ludwig van Beethoven auf der Bühne. Auch sie starten in Sturm-und-Drang-Manier mitreißend forsch von Null auf Hundert, in sinfonischer Dichte überaus lebhaft und mit reichlich Feuer aufspielend, genauso wie es der Komponist mit seiner Satzbezeichnung Allegro vivace e con brio angedacht hat. Geisterhaftes kommt in den pianissimo-fahlen, fast schon mystischen Streicherklängen des Mittelsatzes Largo assai ed espressivo recht gut zum Ausdruck; der Effekt wird jedoch durch das mitunter etwas zu dominierende, nicht optimal ausgewogene Klavier reduziert. Im Schlusssatz geht es wiederum kernig munter zu; das Zusammenspiel passt, das mit feinsinnig ausgespielten liedhaften Einwürfen etappenweise garnierte Presto steigert sich zielstrebig mit überwältigend konsistenter Klangdichte bis hin zum wuchtigen Schlussakkord.

Nach der Pause steht das Klavierquintett f-Moll von Johannes Brahms auf dem Programm. Die fünf Ausführenden setzen auf scharfe bis schroffe Konturierung bei kompaktem, ungeachtet nahezu sinfonischer Opulenz gleichwohl transparentem Gesamtklang von ausgeprägter Ausdrucksintensität. Die große dynamischer Bandbreite des beeindruckend virtuosen Vortrags sorgt dabei immer wieder für spannungsintensive Kontraste. Der 2.Satz Andante mutet anfangs heimelig-lieblich an, entwickelt sich indes zu großer Geste; ruhig pulsierende Streichersequenzen verklingen in romantisch zarten Farben. Umso heftiger erfolgt der Gegensatz zum Scherzo. Der Anfang: fast bedrohlich düster. Dann, erstmalig, das markante Thema mit starkem Ohrwurmpotenzial, martialisch hart und präzise tackernd wie eine Schnellfeuersalve und mit zunehmender Emphase und wirbelnden Bögen hochgradig mitreißend gespielt. Und schließlich, wie aus einer gänzlich anderen Sphäre, der komplex angelegte Finalsatz, eingeleitet von ruhevollen, breit angelegten, nachdenklich wirkenden Legatopartien. Später bestimmen folkloristische Melodien und helle Klangfarben das kaleidoskopische Geschehen, das sich zu einer ungemein wilden, wirkungsvoll von einer kurzen ruhigeren Episode unterbrochenen Stretta mit allerbesten Rausschmeißerqualitäten auswächst, um dann ziemlich abrupt zu enden.

Für den lang anhaltenden begeisterten Beifall bedankt sich das Ensemble mit einer hervorragend passenden Zugabe, die zugleich den Kreis zur tschechischen Musik der Martinu-Madrigale schließt: dem reizvollen, heiter beschwingten und mit weiterhin unverminderter musikantischer Verve vorgetragenen Scherzo-Satz aus Antonín Dvořáks Klavierquintett Nr.2.

Es ist der krönende grandiose Abschluss nicht nur eines einzelnen fantastischen Konzertabends, sondern einer durchweg phänomenalen Konzertsaison mit einer Vielzahl wahrhaft enthusiasmierender Hörerlebnisse.