- Philharmonisches Kammerkonzert mit dem Cuarteto Casals am Mittwoch, 11. März 2026, im Kleinen Glockensaal
von Gerd Klingeberg
Bei manchen Konzerten darf man sich einfach genussvoll zuhörend zurücklegen. Aber es gibt auch solche, die sowohl kompositorisch als auch interpretatorisch durchgehend die uneingeschränkte Aufmerksamkeit der Zuhörenden fordern. Zu Letzteren zählt zweifellos das vom Cuarteto Casals präsentierte 6. Philharmonische Kammerkonzert.
Bereits die ersten Takte des 1822 entstandenen Streichquartetts Nr. 3 Es-Dur von Juan Crisóstomo de Arriaga y Balzola lassen aufhorchen. Der schwungvolle Einstieg wechselt schnell zu lieblich weichem Klang; das Ensemble setzt auf stete Bewegung und ausgeprägte Kontraste. Satz 2, ein Adagio con espressione, erweist sich als zunächst einschmeichelnd idyllische Pastorale – bis unerwartet dichte Tremolopartien diese beschauliche Stimmung zu stören scheinen. Und dann bricht ein erschreckend tosendes Ungewitter los, eindrucksvoll bildhaft dargestellt durch wilde Fortissimo-Turbulenzen. Ein kurze Generalpause, noch ein abziehendes Donnergrollen, dann kehrt, faszinierend gestrichen, wieder friedvolle Ruhe ein.
Ähnlich spannend gerät das Menuetto, das nur phasenweise an einen edlen höfischen Tanz erinnert, vielmehr mit scherzohaft energischem Drive stark kontrastierende Stimmungen miteinander verknüpft. Schließlich der Finalsatz, mit kurzer Adagio-Einleitung, die unverzüglich auswächst zu mitreißend straffem Presto bis hin zum markanten Schluss, ohne indes an gebotener Allegretto-Leichtigkeit einzubüßen. Kurz gesagt: ein Meisterwerk des 16-jährigen, im Alter von nur 20 Jahren viel zu früh verstorbenen spanischen Genies Arriaga, genial dargeboten vom Cuaerteto Casals, das sich in den 30 Jahren seines Bestehens mit bestechenden Interpretationen längst weltweit einem Namen gemacht hat.
„Terra encesa“ – „Feurige Erde“ ist der Titel einer 2024 entstandenen, dem Cuarteto Casals gewidmeten Auftragskomposition der spanischen Komponistin Elisenda Fábregas. Die darin beschriebene „kreative Kraft der Erde“ kommt bereits in den zunächst noch dunklen, aber gleich sehr kraftvollen Eingangsmotiven des Cellos und der sich dazu gesellenden Viola und Violinen zum Ausdruck. Scharfe Akzente treiben eine zunehmende Wellenbewegung unaufhaltsam voran; dramatische, mit Verve gestrichene Partien werden von kurzen Entspannungsphasen immer wieder neu befeuert; in orchestraler Dichte drängt das optimal nachvollziehbare Geschehen hin zu einem gewaltigen Schlussakkord.
In diesen ungemein spannungsvollen Gesamtrahmen fügt sich auch Schuberts sinfonisch dimensioniertes letztes Streichquartett G-Dur bestens ein. Wieder ist es der Beginn, der mit seinem unvermittelten Dur-Moll-Wechsel das ausgeprägt Konflikthafte des Werkes vorzeichnet. Und ähnlich wie bei Arriaga sind es die effektvollen Tremolo-Partien, die mitunter zusätzlich intensive Spannung erahnen lassen. Die Ausführung gerät auch hier perfekt, die Timbres der vier Instrumente harmonieren glänzend in eindrucksvoller Klangdichte; das virtuose, zu jedem Zeitpunkt nuanciert homogene Spiel des Ensembles überzeugt auf ganzer Linie; die technischen Raffinessen werden locker und mit grandioser Leichtigkeit gemeistert.
Wer im 2. Satz Andante durch die zunächst sanfte Cellomelodik auf gemütvolle Stimmung eingestellt war, wird abrupt eines anderen belehrt: Plötzliche erregte Ausbrüche halten die Zuhörer in Atem. Fast schon entrüstet anmutende Aufgeregtheit vermittelt das kleinfigürlich flirrende Scherzo mit seinen rhythmisch tackernden Achtel-Repetitionen. Dazu kontrastieren im feinsten Legato dargebotene innig-romantische Momente des wie verträumt wirkenden wunderschönen Trios. Nach erst noch vorsichtigem Tasten erfolgt die Rückkehr zum temperamentvoll agilen Allegro-Metrum.
Und das setzt sich gesteigert fort im zielstrebig voranstürmenden Schlusssatz: Die vielfachen Dur-Moll-Wechsel kommen unvermittelt, nicht selten irritierend für den Zuhörer. Trotz größtmöglicher Transparenz der durchweg exzellenten Darbietung lässt sich die Genialität der dicht gepackten kompositorischen Architektur dieses Schubertschen Vermächtnisses nur bruchstückhaft erahnen.
Dem mitreißenden finalen Sturmlauf folgt tosender Beifallsjubel des begeisterten Auditoriums.
Nach diesem gewaltigen Werk scheint eine Zugabe eigentlich unpassend zu sein. Aber das Cuarteto hat eine ideale Lösung parat: Mit dem Contrapunctus I aus Bachs „Kunst der Fuge“ setzt es einen angenehm beruhigenden, erdend klaren Schlusspunkt.