Musikfest Bremen 2026: Beethoven-Zyklus I mit dem Quatuor Ébène am Sonntag, 16. August 2026, im Kleinen Saal der Glocke
von Gerd Klingeberg

Es ist ein höchstgradig ambitioniertes Projekt, das sich das 1999 gegründete, international erfolgreiche Streichquartett Quatuor Ebène vorgenommen hat: Innerhalb von nur acht Tagen wollen sie im Rahmen des Musikfests Bremen Ludwig van Beethovens sämtliche 16 Streichquartette aufführen. Quasi ein kammermusikalischer Ultra-Marathon von gleichermaßen physisch wie mental außerordentlich hoher Belastung. Die einzelnen Werke werden dabei nicht in chronologischer Reihenfolge präsentiert, sondern sind für insgesamt 6 Konzerte als stimmige Programmabläufe zusammengestellt worden.


Das Auftaktkonzert startet mit dem Streichquartett Nr. 3 D-Dur op. 18/3, dem ersten einer zwischen 1798 und 1800 entstandenen Sechserreihe. Dass Beethoven sich dabei noch an Mozart und Haydn orientiert hat, verdeutlicht die eingangs luftig leichte Grundstimmung. Von einem lediglich seichten Dahinplätschern kann indes keinerlei Rede sein, zumal die virtuos aufspielenden Ausführenden die in vielerlei Varianten verarbeiteten Motive mittels sorgsam gesetzter Akzentuierungen spannungsvoll untereinander in Beziehung setzen. Der sehr gefühlvoll vorgetragene Satz 2 Andante gefällt dagegen mit einem liedhaften Thema und feinster harmonischer Klangdichte. Gerade bei den ruhig fließenden Legato-Partien werden die perfekt abgestimmten, auf größtmögliche Homogenität abzielenden Timbres der vier Streichinstrumente des Ensembleklangs lupenrein hörbar. Dass zudem jede dynamische oder tempobezogene Nuance, jedes Detail des Notenbildes in allerbestem Gleichklang erfolgen, vermittelt glatt den Eindruck, dass die beiden Violinisten Pierre Colombet und Gabriel Le Magadure, Bratschistin Marie Chilemme und Cellist Yuga Okamoto geradezu wie ein einziger Organismus agieren. Und das betrifft selbstverständlich nicht nur die langsamen Abschnitte, sondern gilt gleichermaßen auch für den lebhaft angegangenen Folgesatz Allegro.

Beim finalen Presto-Satz legt das Ensemble nochmals ordentlich eins drauf, stürmt ungestüm voran, bleibt jedoch auch im straffen Galopp locker beschwingt, um schließlich, nach einem kurzen Moment des Innehaltens, in nochmals erheblich gesteigertem Tempo presto-pulsierend die letzten Takte zu absolvieren. Und bereits dieses erste Quartett wird vom zuvor gespannt lauschenden Publikum mit einem schon jetzt sehr begeisterten Applaus bedacht.

Überraschend schroff, fast wie ein Schlag ins Gesicht oder wie eine unbedingte Aufmerksamkeit heischende Geste erfolgt das Eingangsmotiv des f-Moll Quartetts op. 95 mit dem Beinamen „Quartetto serioso“. 1810 ist es entstanden, nach einer wieder einmal missglückten Liaison des in Liebesdingen leider wenig erfolgreichen Meisters. Es ist so etwas wie das Psychogramm einer zutiefst verletzten Seele, zugleich ein typischer Beethoven: kompromisslos, aufbrausend, unwirsch. Und dann, unvermittelt, lieblich, einschmeichelnd gar. Oder auch pessimistisch bis hin zur schier grenzenlosen Verzweiflung. Eine Vielzahl von Gefühlsregungen und Ausbrüchen also, die sich allesamt in diesem Werk wiederfinden lassen und die in der packenden Darbietung des Quatuor Ebène in grandioser Dichte unter die Haut gehend zum Ausdruck gebracht werden.

Wunderschön in seiner melancholischen Färbung gerät das mit ausgeprägtem Feingefühl intonierte Allegretto (Satz 2). Um dann jedoch umso heftiger vom attacca einsetzenden Scherzo-Satz 3 mit geballter Energie konterkariert zu werden. Als erneutes Abbild widerstreitender Gefühle erweist sich Satz 4, der mit einer ungewohnten langsamen Einleitung startet und schließlich mit einer rasant flirrenden Coda endet.

Nach der Pause steht die Nr. 2 e-Moll aus op. 59, den 1806 komponierten sogenannten Rasumowsky-Quartetten auf dem Programm. Bei diesem Werk lässt sich vielleicht am bestens nachvollziehen, dass speziell die Streichquartette – darunter zweifellos auch jene aus dem Beethoven-Œuvre – aufgrund ihrer zumeist differenzierten Struktur zu Recht als eine „Kunstform aufmerksamen Hörens“ (s. Programmheft) bezeichnet werden. Und auch, dass Beethoven alles andere als „Fließband“-Streichquartette abgeliefert hat.

Erneut gelingt es den vier Ausführenden, mit kraftvollen, energischen Strichen die einzelnen Passagen des Kopfsatzes in all ihrer starken Gegensätze zwischen heiterer Beschwingtheit und pessimistischer Düsternis in beeindruckender, fast schon sinfonischer Dichte zu präsentieren. Hochgradig kantabel, zum Zerfließen romantisch und von berührend zarter Leuchtkraft geprägt erklingt das groß angelegte Andante (Satz 2): Als hätten sie alle Zeit der Welt, kosten die Interpreten die wie silbrig matt glänzend anmutenden „Molto adagio“-Harmonien in extensiv breitem Legato aus als nachdenkliches, fast schon stimmungsvoll andächtiges Sinnieren: Momente der Kontemplation und Balsam für die Ohren der Zuhörer! Dagegen zeigt sich das Allegretto mit seinem vorantreibenden Rhythmus und dem eingeschobenen, pure Lebenslust und musikantische Spielfreude verströmenden „Theme russe“ scherzohaft rege und schwungvoll. Was beim letzten Satz Presto noch erheblich gesteigert wird zu einem ungestüm tackernden, mitreißend hyperaktiven Parforce-Galopp, der dank der pointierten Herangehensweise des Ensembles dennoch durchweg mit ausnehmend transparentem Klangbild bis hin zum finalen Kehraus in ganzer Linie überzeugt.

Das von den meisterhaft gelungenen Darbietungen des Abends außerordentlich begeisterte Publikum im voll besetzten Kleinen Saal der Glocke ist geradezu außer Rand und Band; es spendet frenetischen, kaum enden wollenden Beifall für diesen in jeder Hinsicht beeindruckenden Auftakt des Beethoven-Zyklus. Und wenn der Applaus tatsächlich das Lebenselixier der Musizierenden ist, dann steht einer weiterhin erfolgreichen Durchführung dieser faszinierenden Beethoven-Konzertreihe garantiert auch nichts mehr im Wege!